Burg Český Krumlov, Kollektion der gotischen Ofenkacheln

"Ans geehrte Landeskonservatorenamt in Prag.
Im nördlichen Abhang unter dem Krumauer Schloss wurden beim Stöcke roden sehr interessante Scherben von verschiedenen Kacheln gefunden. Nach der Erweiterung der Ausgrabung fand ich ein großes Lager von Tierknochen, unter denen viele und viele Kachelscherben vermischt sind. Das Lager befindet sich direkt unter der sogenannten schwarzen Küche des Rosenbergischen Trakts und es scheint, dass an diese Stelle alle Küchenabfälle und Reste von Baustellen weggelegt wurden. Knochen, die mehrere Kubikmeter einnehmen, sind ziemlich regelmäßig zusammengelegt, wie aufgeschichtet, wogegen die Kacheln, die sich meistens im Unterteil des Lagerplatzes befinden, nur hingeworfen sind. Ich schließe daraus, dass die Kacheln bei dem großen Umbau des Schlosses in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hierher gebracht wurden. Die Kachelscherben sind meistens unglasiert und stammen aus dem 14., 15. und 16. Jahrhundert. Bemerkenswert sind die ornamentalen und figuralen Dekorationen auf ihnen, Personen, Löwen, Adler, verschiedene Ungeheuer, Schilde (14. und 15. Jh.), gotische Aufschriften, Gitterwerke bereits aus der Wladislaw-Zeit usw. Ein kleiner Teil der Kacheln ist glasiert, weiß, blau und grün, aus der Renaissancezeit, wohl italienischer Herkunft. Bisher gelang es mir nicht von den Scherben ganze Kacheln zusammenzustellen und Abbildungen zu beschaffen, ich hoffe jedoch, dass weitere Funde vieles ergänzen. Vorerst erlaube ich mir über den Fund eine achtngsvolle Kundmachung zu tun.

Hochachtungsvoll Ihr ergebener Ing. E. von Hartenthal, Konservator. In Č. Krumlov, 8/11.1918."

Das Heben des zufällig entdeckten großen und reichen Fundes gotischer und Renaissancekacheln auf dem Abhang unter dem Krumauer Schloss kurz vor dem Ende des Jahres 1918 verfolgte und unterstützte finanziell selbst der damalige Besitzer der Herrschaft, Fürst Johann Schwarzenberg. Das Landeskonservatorenamt in Prag informierte über den Fund mit dem zitierten Brief der damalige Chef der schwarzenbergischen Bauverwaltung (des Baudirektoriats) der Krumauer Herrschaft Ing. Emil von Hartenthal.

In seinem späteren ausführlichen Bericht beschreibt Hartenthal außer den Umständen des Fundes auch die die Kacheln schmückenden Motive: "Die Menge der Kachelbruchstücke geht bis zu Tausenden, Tierknochen wurden mit mehreren Wagen weggefahren. Der Fundort liegt direkt unter den ehemaligen Gemächern der Herren von Rosenberg, aber zugleich unter der ehemaligen Schlossküche. Motive der Kachelverzierung sind Heiligengestalten, Engel, Schilde mit Bändern und Aufschriften, Reiter, Jagdszenen und verschiedene architektonische Formen. Auf zahlreichen Bruchstücken sind Tiere verschiedener Formen abgebildet. Pfeilförmige Krallen, gefletschte Zähne, fantastische Auswüchse abgebildeter Ungeheuer, machen eher einen märchenhaften Eindruck".

Die Kollektion der spätgotischen und Renaissanceofenkacheln vom Fund im Jahr 1918 ist mit ihrer Anzahl der bis heute erhaltenen mehr als viertausendfünfhundert Bruchstücke eine der größten in Böhmen. Mit dem Reichtum an insbesondere spätgotischen ikonografischen Motiven, deren Anzahl fast einhundert erreicht, gehört sie dann auch zu den schönsten. Den größeren gotischen Teil der Kollektion, der beinahe 3.900 Bruchstücke zählt, datieren wir in die Zeitspange von der ersten Hälfte des 15. bis Anfang des 16. Jahrhunderts. Die Renaissancekacheln stammen dann aus den nachfolgenden Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts. Zu den schönsten gehören insbesondere Exemplare mit mehrfarbigen Glasuren - sog. Majolika (Burg Český Krumlov, Kollektion der Renaissanceofenkacheln).

Vom unerschöpflichen Reichtum gotischer Ziermotive wählen wir mindestens die interessantesten.

Drachenorden Sigismunds von Luxemburg. Der Ritterdrachenorden - "Ordo equestris Draconis Hungariae", wurde vom römischen und ungarischen König Sigismund und seiner Gemahlin Barbara von Celj im Jahr 1408 gegründet. Zu seinen Besitzern gehörten sowohl die dem König treuen Angehörigen des ungarischen Adels, als auch viele bedeutende ausländische Persönlichkeiten. Der einzige böhmische Adelige, dem Sigismund den Orden erteilte, war an der Wende der Jahre 1419/1420 Čeněk von Vartemberk. So kam auch der zusammengerollte Drache ins Geschlechtswappen der Vartenberker.

Drachenorden Sigismunds von Luxemburg, Ofenkachel, Český Krumlov – Burg, Zeichnung Jan Votava, 1998 Drache, Ofenkachel, Český Krumlov – Burg, Rekonstruktion des Motivs und Abdruck im Gips, akademischer Bildhauer Michal Vitanovský, 1999

Auf den Ofenkacheln kennen wir den Drachenorden von ungarischen Lokalitäten. Der zusammengerollte Drache hält hier oft in den Krallen ein Wappen mit dem Zeichen eines der Geschlechter, deren Angehörige den Orden vom König bekamen. Und wie kam er nach Český Krumlov? Čeněk von Vartemberk war Vormund des jungen Ulrich II. von Rosenberg (1403-1462) und später wurde er auch sein Schwiegervater. Deshalb wurde er in dieser Zeit eigentlich für ein Familienmitglied gehalten - vielleicht ebenso wie der Orden, den er von Sigismund erhielt.

Erzengel Michael tötet den Drachen, Český Krumlov – Burg, Zeichnung Jan Votava, 1998

Drache. Herrlich stilisierter, in einem Quadrat komponierter einköpfiger Flügeldrache ist ein hochentwickeltes Beispiel der Kunst mittelalterlicher Stecher der Kachelmatrizen.

Erzengel Michael tötet den Drachen. Eines der häufigen Motive der mittelalterlichen Kunst. Den Kampf Michaels und seiner Engel mit einem großen Drachen - einer ehemaligen Schlange, genannt Teufel und Satan, beschreibt in seiner Vision der hl. Johann. Gerade aufgrund der Apokalypse wurde dann Erzengel Michael gemeinsam mit Gabriel und Rafael für einen der drei obersten Engel gehalten. Ihre Hauptsendung war das himmlische Heer im Kampf mit dem Teufel zu führen. Auf dem Krumauer Relief ist auch Michael in voller Rüstung angezogen - vom Kopf bis Fuß. Nur statt eines Helms sehen wir hinter dem Kopf den Heiligenschein.

Adam und Eva am Baum der Erkenntnis. Wieder ein herrlich ausgeführtes Relief einer bekannten Szene mit der Schlange-Versucherin. Die Schlange mit dem menschlichen Oberkörper, die mit jeder Hand einem von den Sündern einen Apfel gibt, und mit dem Schlangenschwanz um den Baumstamm gewickelt. Adam mit Eva decken ihr Geschlecht mit einem Bündel von Feigenblättern - sie haben bereits erkannt, dass sie nackt sind. Ein Dach mit Türmchen trennt das Paradies von der übrigen Welt, die hier mit einem Raubvogel dargestelt ist.

Adam und Eva am Baum der Erkenntnis, Český Krumlov – Burg, Zeichnung Jan Votava, 1998 Engel Wappenträger mit dem Wappen der Herren von Rosenberg, Český Krumlov – Burg, Zeichnung Jan Votava, 1998

Engel Wappenträger mit dem Wappen der Herren von Rosenberg. Eines der schönsten Motive in der Kollektion stellt einen Engel Wappenträger dar, der ein Wappen mit der fünfblättrigen rosenbergichen Rose hält. Damit es auf den ersten Blick klar ist, wo der Gast zu Besuch ist und an wessen Ofen er sich seine durchfrorenen Glieder aufwärmt, gab der Stecher der Matrize auf beiden Seiten des Schildes ein Aufschriftband mit dem Text "pani z rozmberka" dazu.

Jagdszene, Český Krumlov – Burg, Zeichnung Jan Votava, 1998

Jagdszene. Auch dieses herrlich ausgeführte Relief ist mit der fünfblättrigen Rose zwischen den Geweihen des Hirsches mit dem Geschlecht der Rosenberger verbunden. Das auf den ersten Blick klare Motiv versteckt sich eine Menge verzauberter Symbole - der Zweig im Maul des Hirsches, der um seinen Hals leicht gewundene Schal, die Rose zwischen den Geweihen, der Zaun sowie der Eimer in den Händen des Jägers. Beachten wir sein bis ins Detail bearbeitetes Kleid, einschließlich des Jagdhutes oder Gürtels mit einer Schnalle.

Samson tötet den Löwen. Das herrlich geschnitzte Relief des alttestamentlichen Helden Samson gehört zu den Gipfeln des böhmischen spätgotischen Kachelschaffens. Außer vieler Details, wie der Beutel mit einem Messer am Gürtel oder die Mütze mit einer Feder sind, beachten wir das Aufschriftband mit dem Text "samson tisicz gich przemohl ue". Die letzten Buchstaben können Initialen des Stechers der Matrize sein.

Samson tötet den Löwen, Český Krumlov – Burg, Rekonstruktion des Motivs und Abdruck im Gips, akademischer Bildhauer Michal Vitanovský, 1999 Samson tötet den Löwen, Kupferstich des Meisters ES

Es passiert in dieser Zeit nicht oft, dass ein konkretes Vorbild eines Erzeugnisses des Kunsthandwerks erhalten bleibt. Die Krumauer Kachel mit Samson ist in diesem Fall eine rare Ausnahme. Der Stecher der Matrize benutzte nämlich einen bekannten Kupferstich des Meisters ES als Vorbild - eines Künstlers, der in der Zeit um die Mitte des 15. Jahrhunderts im Gebiet des Oberrheinlands schuf.

(me)

Weitere Informationen :
Archälogische Untersuchung der mittelalterlichen Burg Český Krumlov
Archäologische Untersuchungen in der Stadt Český Krumlov